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Big Joe kommt nach Knuthenborg

Big Joe

Ein neuer sensationeller Dinosaurier-Fund ist im Knuthenborg Safaripark eingetroffen. Dabei handelt es sich um das bislang vollständigste Exemplar eines Allosaurus – der Dinosauriergattung, die in der Jurazeit die Spitze des Ökosystems bildete. Sein Skelett und sein einzigartiger Hautabdruck sind Gegenstand spannender neuer Forschungen.

Von Henrik Olsen
Wissenschaftsjournalist, Ph.D. in Geologie

Wir befinden uns etwa 155 Millionen Jahre in der Vergangenheit in einer nordamerikanischen Flussebene. Ein Muskelbündel von anderthalb Tonnen steht reglos auf seinen beiden kräftigen Beinen und schaut sich um. Der riesige Dinosaurier ist ganz allein. Für einen Moment öffnet er seinen Mund und entblößt seine eng anliegenden, messerscharfen Zähne, die schon viel zu lange ohne frisches Fleisch auskommen mussten. Er wedelt ein wenig mit den Armen und fährt mit seinen tödlichen Klauen durch die Luft, als würde er einen letzten Angriff starten. Dann humpelt der einsame Dinosaurier langsam in den seichten Fluss.

Die mächtigen Knochen fühlen sich an diesem letzten Tag im Leben des Riesen viel zu schwer an. Plötzlich sinkt er im weichen Sand ein und droht das Gleichgewicht zu verlieren. Einen Moment lang glaubt der Allosaurus, sich fangen zu können, aber er bewegt sein rechtes Bein nicht schnell genug – und im nächsten Moment liegt der neun Meter lange Koloss ausgestreckt auf einer kleinen Sandbank. Er versucht sich aufzurichten, muss aber aufgeben. Stattdessen dreht den Kopf nach hinten, um wie ein letztes Mal seinen eigenen Schwanz zu sehen. Dann tut er seinen letzten Atemzug. Müde nicht satt aber müde vom Leben.

Ein paar Stunden später schwillt der Fluss an und bedeckt den Dinosaurierkörper langsam mit feinem Sand. Der Körper taucht erstmals wieder auf, als professionelle Dinosaurierjäger 2015 eine Felsgruppe in Wyoming in den Vereinigten Staaten untersuchen. Sie machen große Augen, als sie eine riesige Sandsteinplatte losschlagen und das Skelett dieses Herrschers aus dem Jura-Zeitalter – des Raubsauriers Allosaurus – sehen, das noch genauso daliegt wie bei seinem letzten Atemzug.

Ausstellung und Forschung

Es ist äußerst selten, dass ein großer Raubsaurier nach Skandinavien kommt, und es ist das erste Mal, dass ein Raubsaurier aus der Jurazeit dauerhaft in Dänemark ausgestellt wird. Der Knuthenborg Safaripark hatte das Glück, dieses einzigartige Exemplar erwerben zu können, und hat eine brandneue Ausstellungshalle gebaut, die dieser Herrscher der Jurazeit nun bezogen hat. Dieser Raubsaurier soll aber nicht nur die Zoobesucher anziehen, sondern auch Forschenden aus aller Welt zur Verfügung stehen.

„Wir konzentrieren uns sowohl auf die wissenschaftliche Vermittlung als auch auf die Forschung im Bereich der Evolutionsgeschichte. Daher wird der Allosaurus auch dänischen und ausländischen Forschenden zur Verfügung stehen, die diesen faszinierenden Riesen aus der Vergangenheit weiter untersuchen wollen“, erklärt Christoffer Knuth, der Direktor des Knuthenborg Safariparks.

Bis zur Eröffnung der Ausstellung werden an Big Joe, wie dieses Allosaurus-Exemplar im Volksmund genannt wird, intensive wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt. Eines der jüngsten Ergebnisse ist eigentlich durch ein Unglück entstanden. Bei der Präparation von Big Joe brach einer der Knochen in der Mitte durch, und als die Forschenden die frischen Bruchflächen untersuchten, erkannten sie eine völlig intakte Knochenstruktur. Und wie ein Baum Jahresringe hat, so haben auch die Knochen von Big Joe feine Wachstumsschichten, die das Wachstum des Dinosauriers Jahr für Jahr widerspiegeln. Fast 30 Jahre konnten die Forscher mit bloßem Auge zählen. Es handelt sich also um einen hochbetagten Dinosaurier, als dieser seine letzte Reise antrat. Und auch dies macht Big Joe zu etwas ganz Besonderem. Denn bisher wurde noch nie ein Allosaurus gefunden, der ein höheres Alter als 20 Jahre erreicht hatte.

Ein weiteres spektakuläres Forschungsergebnis hat nichts mit dem Skelett zu tun. Stattdessen ist es der Abdruck von Big Joes Haut. – Dieser entstand entstanden, als er auf der Sandbank des Flusses zu liegen kam und später von Sedimenten bedeckt wurde. Ein großer Teil der Haut und Schuppen des Tieres sind dadurch als Abdrücke erhalten geblieben – und dies ist ziemlich außergewöhnlich. Bisher wurde nur ein einziges anderes Allosaurus-Exemplar mit Hautabdruck gefunden. Und dieser Abdruck hatte gerade einmal die Größe eines Geldscheins. Big Joe bietet daher die Möglichkeit, einen Allosaurus weitaus korrekter zu rekonstruieren, als dies bisher möglich war.

„An der Unterseite des Halses sind unter anderem Abdrücke von Big Joes Haut und Schuppen erhalten geblieben. Das Muster, das wir hier sehen können, wurde noch nie zuvor bei einem Dinosaurier festgestellt. Die Schuppen zeigen ein Muster, das dem ähnelt, das man an der Bauchseite von Schlangen sieht“, erklärt der Paläontologe Mark Loewen, Ph.D. und außerordentlicher Professor an der University of Utah, der im vergangenen Jahr ein Forschungsprojekt durchführte, das die Haut und die Schuppen von Big Joes zum Schwerpunkt hatte. Loewens Forschungsteam geht davon aus, nach Abschluss des Forschungsprojekts in der Lage zu sein, das gesamte Äußere des Tieres beschreiben zu können.

Bisher größtes Allosaurus-Fossil

Der gut erhaltene Hautabdruck weist darauf hin, dass Big Joe alleine war, als er seinen letzten Atemzug tat. Denn hätten andere Raubsaurier den Körper gefunden, hätten sie ihn in Stücke gerissen. Der Kadaver wäre wahrscheinlich auch zerteilt und teilweise an andere Orte verschleppt worden, um in sicherer Entfernung von anderen Aasfressern gefressen zu werden. Aber das gesamte Skelett ist genau in der Position erhalten, in der Big Joe vor etwa 155 Millionen Jahren lag, als er seine Augen für immer schloss.

Dass einige wenige Knochenfragmente fehlen, ist allein darauf zurückzuführen, dass ein Teil des Gesteins, in dem das Fossil gefunden wurde, abgetragen wurde. Aber glücklicherweise sind mehr als 95 Prozent erhalten. Damit ist Big Joe das besterhaltene Allosaurus-Fossil, das je gefunden wurde. Mit seinen neun Metern von der Schnauze bis zur Schwanzspitze und einer Schulterhöhe von drei Metern ist er zudem das größte Allosaurus-Fossil, das je entdeckt wurde. Es besteht also aller Grund zur Freude, wenn Big Joe nun im Knuthenborg Safaripark einzieht.

Das größte Raubtier der Jurazeit

Der Allosaurus war ein geborener Killer. Er war groß und stark, er hatte ein Maul voller spitzer Zähne, er besaß scharfe Krallen an allen Pfoten, und er hatte nach vorne gerichteten Augen, mit denen er seine Beute ins Visier konnte: Er war der perfekte Räuber.

„Der Allosaurus hatte wahrscheinlich ähnliche Jagdtechniken wie die heutigen Löwen. Er konnte seine Beute packen, sie mit seinen Vorderbeinen, die mit tödlichen Klauen ausgestattet waren, festhalten und sie mit seinem kräftigen Biss töten”, beschreibt Mark Loewen.

Der Allosaurus war nicht nur ein großes Raubtier. Er war auch weithin verbreitet. Big Joe und seine Verwandten standen an der Spitze der Nahrungskette der Jurazeit. In einem Gebiet, das sich von New Mexico bis fast 1000 Kilometer nördlich erstreckt, war der Allosaurus zehn Millionen Jahre lang der am weitesten verbreitete Raubsaurier des späten Jurazeit. Und er lebte nicht nur in Nordamerika.

„Wir haben auch Allosaurus-Arten in Portugal gefunden. Folglich wissen wir, dass diese Dinosaurierart auch in Europa verbreitet war. Und ein naher Verwandter lebte zur gleichen Zeit in Afrika“, führt Mark Loewen aus.

Dänische Dinosaurier

In Dänemark wurden einige Funde von Dinosauriern aus der Jurazeit gemacht – einzelne Fußabdrücke und ein einzelner Oberschenkelknochen. Alle wurden alle auf Bornholm gefunden, wo als einzigem Ort in Dänemark Ablagerungen aus der Jurazeit freigelegt wurden. Allerdings sollte man nicht hoffen, in den Sand- und Tonablagerungen von Bornholm einen Allosaurus zu finden, denn als dieser in der späten Jurazeit lebte, war Dänemark noch komplett vom Meer bedeckt. Und der Allosaurus war eine echte Landkrabbe.

Der Museumsinspektor am Geomuseum Faxe, Ph.D. Jesper Milán, war selbst an mehreren dieser dänischen Dinosaurierfunde beteiligt. Und obwohl Big Joe nicht aus Dänemark stammt, freut sich der Museumsinspektor über die Gelegenheit, diesen einzigartigen Fund genauer studieren zu können.

„Ich sehe spannende Möglichkeiten für Studierende an der Universität Kopenhagen, die ein Projekt an einem echten Skelett durchführen können“, meint Jesper Milán, der auch Potenzial für dänische und ausländische Forschende sieht:

„Da dies der erste Allosaurus mit großem, gut definiertem Hautabdruck ist, liefert er einzigartige und neue Erkenntnisse über diese Dinosaurierart, und ich kann mir gut vorstellen, dass andere Wissenschaftstreibende Ideen für weiterführende Untersuchungen haben“, erläutert Jesper Milán.

Jesper Milán rechnet mit einer Menge Arbeit, denn vereinbarte hat mit dem Knuthenborg Safaripark, den Kontakt zwischen dem Safaripark und Forschenden zu vermitteln, die weitere wissenschaftliche Untersuchungen zu Big Joe und seinen Hautabdrücken durchführen möchten.

Ein humpelnder Riese

Eines der möglichen Forschungsprojekte ist die Untersuchung einer Knöchelverletzung, die an Big Joe entdeckt wurde. Raubsaurier führten ein hartes Leben. Folglich war es nicht ungewöhnlich, dass sie auf ihren brutalen Jagdzügen verletzt wurden. Big Joe war diesbezüglich keine Ausnahme. Brock Sisson, der für die Präparation des Fossils verantwortlich war, berichtet, dass Big Joes Waden- und Schienbeinknochen mit einigen Knöchelknochen am rechten Bein zusammengewachsen sind. Aber da die Brüche vollständig geheilt waren, konnte Big Joe weiterhin Nahrung beschaffen. Die Verletzung führte aber wohl dazu, dass Big Joe leicht humpelte, als er in seinen alten Tagen Jagd auf Beute machte.

Der König der Dinosaurier

Der Allosaurus wird oft als König der Dinosaurier bezeichnet. Aber er ist nicht der einzige Dinosaurier, dem dieses Prädikat verliehen wurde. Der bekannteste ist wahrscheinlich der Tyrannosaurus rex oder T-Rex, wie er gerne auch genannt wird. Der Allosaurus lebte jedoch beinahe 90 Millionen Jahre vor dem T-Rex. Zu Big Joes Zeiten waren die Vorfahren von T-Rex, die Tyrannosauroiden, unterdimensionierte Tiere, die höchstens auf die vom Allosaurus hinterlassenen Reste hoffen konnten, wenn Big Joe oder seine Verwandten in der Nähe waren.

„Ein Vergleich des Allosaurus mit den heutigen Tyrannosauroiden ähnelt einem Vergleich von heutigen Löwen mit Schakalen“, erklärt Mark Loewen.

Obwohl sich Big Joe und der viel später lebende T-Rex in vielerlei Hinsicht ähnlich sind, unterscheidet sich Big Joe dadurch, dass er kräftige Arme besaß, die er während der Jagd aktiv einsetzen konnte. Der T-Rex wiederum hatte kurze, nutzlose Arme, sodass er seine Beutetiere nur töten konnte, indem er sich mit seinem kräftigen Kiefer in ihnen festbiss.

Zwei Allosaurus-Arten

Bis vor kurzem wurde angenommen, dass in Nordamerika nur eine einzige Allosaurus-Art lebte, nämlich der Allosaurus fragilis. Doch 2020 dokumentierten Mark Loewen und sein Kollege Daniel Chure in der internationalen Fachzeitschrift PeerJ, dass noch eine weitere Art existierte, nämlich der Allosaurus jimmadseni. Der Allosaurus jimmadseni war zudem eigentlich der Vorgänger des bekannteren Allosaurus fragilis. Big Joe gehört zu dieser neu entdeckten Art. Und da er das größte und besterhaltene Fossil aller Allosaurus-Exemplare ist, bietet er die Möglichkeit, völlig einzigartige Erkenntnisse über diese neue Dinosaurier-Art zu gewinnen.

Big Joe ist im Safaripark Knuthenborg zu erleben, wo er in einer neu gebauten Ausstellungshalle untergebracht ist, die am 9. April für die Gäste des Safariparks eröffnet wird. Mit der Zeit werden sich weitere Dinosaurier zu Big Joe gesellen, die zusammen die Ausstellung zu Dänemarks größter ständiger Dinosaurierausstellung machen werden.

Zugleich mit Big Joe ziehen auch einige der noch älteren Kämpfer der Vorzeit in das Nachbargebäude ein. Dabei handelt es sich um Fossilien der vierbeinigen Riesen aus der Permzeit, die mehr als 120 Millionen Jahre vor Big Joe die Erde beherrschten und die Vorgänger der Säugetiere waren, die heute die weite Savanne des Safariparks durchstreifen.